“Vergesst alles, was Ihr dachtet, über Postpunk zu wissen - BERLIN 2.0 zünden die Endstufe in der Punk-Evolution“.
Das sagt der Informationszettel ,was den Schreiber über das zwei Album der Band BERLIN 2.0 informieren soll.
Davon mal abgesehen, dass heute alles Postpunk heißt, was irgendwas mit Gefühlen, Schreien und noisigem Gitarrenspiel zu tun hat, ist eine Formulierung, die nach Größenwahn und kindischer Übertriebenheit klingt.
Beim ersten Hören dachte ich, was ist das für ein anstrengendes Zeug. Da war ich wohl nicht besonders gut drauf.
Beim zweiten Hören, beim dritten Hören und auch beim vierten Hören empfand ich etwas ganz anderes. Es offenbarte sich etwas, was ich beim ersten Hören wohl komplett überhört haben muss.
Als erstes fielen mir die Texte auf.
Fast überladen, jede Zeile eine Punchline. Jedes Wort eine Faust.
Vom Textaufbau erinnert das manchmal an Terrorgruppe oder The Bottrops. Wobei beide Bands eine viel zu positive Grundstimmung hatten um wirklich mit BERLIN 2.0 vergleichen zu lassen. Die Stimmung die BERLIN 2.0 auf den zehn Songs transportiert ist meist düster und kalt.
Die Musik, wütend, dystopisch, manchmal an Cold Wave erinnernd, manchmal höre ich auch Bands wie Pascow oder Love A heraus, ist abwechslungsreich. Selber bezeichnet die Band ihren Stil als Death-Pop. Pop gibt es aber nur in kleinen Dosen. Es gibt mehr noisigen, kalten Punkrock oder eben Postpunk. Ausflüge in Hardcore, NDW und Screamo sind beabsichtigt.
Ich bin ja wirklich kein Freund von Bands, die Plattenaufnahmen mit “Primal Scream Therapien“ verwechseln. Hier gibt es nur selten solche Parts. Am stärksten sind sie beim letzten Song des Albums “Jahr ohne Sommer“ zu hören. Eine Zeile aus dem Song passt wunderbar als Fazit zu dem Album. Man stelle sich vor, man fährt mit einem Schiff lange, sehr lange über die sieben Weltmeere, Orkan und Skorbut haben die Mannschaft bis ans Ende ihrer Kräfte gebracht. Als kaum noch Hoffnung bestand, ruft es laut vom Ausguck auf dem höchsten Mast “Glaube ich kann Land sehen, zwar nicht viel aber es reicht“.
Ein kleines bisschen Hoffnung gibt es noch...irgendwo, irgendwie...
Die neun Songs davor beschreiben rasierermesserscharf den Zustand in dem wir uns als Welt, als Gesellschaft, als Deutschland, als Menschen befinden. Viel Hoffnung gibt es da nicht und wie kann man den Zustand besser verarbeiten als mit Ironie, bösem Sarkasmus und Zynismus? Dabei muss sich die Band noch nicht mal verstellen. Ja, in so einer Welt leben wir mittlerweile.
Die Stuttgarter sind eine harte Nummer. “Kaltental“ ist krasses Werk was hier auf die Welt losgelassen wird.
Es tut weh, was hier aus den Boxen kommt. Das es melodisch, teilweise sogar faszinierend und mitreißend ist, ist fast ambivalent.
Wer Love A und Pascow mag, wird BERLIN 2.0 lieben.
Mit Pascow ist die Band im Herbst auch auf Tour.
Ich freue mich da mehr auf den Support, auf BERLIN 2.0.




