
Die vorhandenen 3 CDs beinhalten ausschließlich Material aus den 50er Jahren, wenn es zum Teil auch erstmalig bis 1961 veröffentlicht wurde, beziehungsweise bei drei Stücken bisher noch gar nicht. Alles fein remastered, wie es sich bei modernen Neuauflagen gehört, und so kann ich mir also 75 Stücke lang den Künstler in seiner kreativen und kommerziellen Aufstiegsphase geben.
Das ist zugegeben eine ganz ordentliche Menge Musik, und ich weiß nicht einmal, ob ich mir meine Lieblingsbands drei Alben lang nacheinander konzentriert anhören würde. Dafür kriegt man wohl alles zu hören, was man an Hits erwartet, vom heftig rockenden „Mess Around“, über den nachträglich zum offiziellen Bundesstaats-Song erklärten „Georgia On My Mind“, bis zum wohl bekanntesten Song „Hit The Road Jack“. Da hat Ray Charles auf jeden Fall in verschiedenen Gebieten gewildert. Soul, Jazz, Blues, Boogie und mehr reihen sich nebst einzelnen Instrumentalstücken aneinander, und das lässt dann doch die fast vier Stunden abwechslungsreich durchlaufen. Die gelegentlichen Backgroundsängerinnen finde ich etwas kitschig, aber das ist wohl Geschmackssache. Vom technischen Können ist Ray Charles aber über jeden Zweifel erhaben. Er schmachtet und jubiliert sich durch seine Stücke als wäre es das erste, was er noch vor dem aufrechten Gang gelernt hätte, dirigiert nebenbei, am Piano sitzend, mit Füßen und Schultern die Band und manifestiert auf diese Weise den Titel, der auf dem Cover prangt: „The Genius of Ray Charles“.
Für eine Spezialausgabe zum 10. Todestag ist das Booklet leider sehr bescheiden gehalten, neben Veröffentlichungsdaten der Titel sind auf seiner Rückseite sechs Albencover zu sehen – vielleicht sind das diejenigen, aus denen Stücke für dieses Tripel-Album zusammengelegt wurden? „Best of“ steht auch noch irgendwo, wie hier die Auswahl erfolgte bleibt im Dunkeln. Da die Stücke nicht chronologisch angeordnet sind, wurde wohl auf einen angenehmen Hörfluss hingearbeitet. Nach meiner Erfahrung sind Hitsammlungen von Musikern aus dieser Single-fixierten Zeit übrigens ganz sinnvoll für Leute, die nicht gerade fanatische Sammler sind, da auf Alben oft noch neben ein paar Chartbrennern schwächere Stücke als Füllmaterial verwurstet wurden. Aber hier wurden sicherlich mehr als nur die bekantesten Tracks gewählt, wodurch man ein Gefühl dafür bekommt, wie vielseitig der Mann war. Hören kann man das hier jedenfalls sehr gut, und da ich keinen Schimmer habe, was Ray Charles in den darauf folgenden 30 Jahren fabriziert hat, kann ich von diesen drei Scheiben erst einmal ordentlich zehren. Bemerkenswert finde ich übrigens noch einen Schnipsel beim letzten Stück, wo Ray Charles über eine sinnvolle Reihenfolge der Lieder auf einem Album redet. Wie viele musikalische Überflieger (James Brown oder Frank Zappa zum Beispiel) warer bei aller Leichtigkeit seiner Musik ein absoluter Perfektionist, und das hat definitiv zur Langlebigkeit seines Opus beigetragen.



