
Um diesen rastlosen Punkrock-Poeten möglichst kurz vorzustellen: Er hat mit seiner Band BOMB THE MUSIC INDUSTRY! allen üblichen Vermarktungsstrategien beide Mittelfinger gezeigt, seine (und andere) Musik konsequent kostenlos ins Netz gestellt, hat bei Konzerten Fremde aus dem Publikum die Songs auf der Bühne mitspielen lassen, ist getourt wie ein Wahnsinniger und hat nach einer Masse veröffentlichter Musik und der Auflösung seiner Band als Produzent von THE SMITH STREET BAND amtlich abgeliefert. Und mehr.
Wer nach dieser Einführung selbstmitleidiges Gejammer über eine unfaire Welt erwartet, liegt zum Glück weit daneben. Dies ist die Fortsetzung des mit BTMI! eingeschlagenen Kurses, der von im Alleingang eingespieltem halsbrecherischem Ska-Punk über Power-Pop bis zu Schunkelsongs nach Ladenschluß führte. In diesem Spektrum bewegen sich die Stücke und wechseln nahtlos hin und her. Was am Anfang noch klingt, als würde Jeff Rosenstock wieder mit ein paar Freunden im eigenen WG-Zimmer jammen, knallt einem im nächsten Moment ein Kraftpaket von einem Refrain vor den Latz, als wären wir am Siedepunkt des Pogo-Pits, und drosselt dann wieder das Volumen, ohne an Intensität zu verlieren. In jeden Winkel sprenkelt ein bunte Auswahl von Orgel, Posaune, Hintergrundgesängen und Vibraphon wunderbare Melodien, die das wiederholte Hören dieser Platte schon allein zwingend machen.
Hätten wir mit so einer Klangwelt eigentlich schon die Ideale Partystimmung, sind die Texte dagegen ein Tritt in die Weichteile. Mehr als schon zuvor breitet der Sänger seine Zweifel an sich selbst aus, daran, wie wir uns selbst zugrunde richten, wie Freunde und Familie weiterziehen und er mit seiner Art, die Musik zu leben, alt und einsam auf der Strecke bleibt. Alleine Saufen, Hilflosigkeit als Reaktion auf das Leid anderer, den eigenen Erfolg hinterfragen, dieser Mann gönnt sich nichts. Und doch ist da kein Zynismus, kein Hausieren mit dem eigenen Unglück. Das ist einfach ein Mensch, der sich den Dreck von der Seele schreibt und schreit, um zu fühlen, wie er lebt. Und dadurch, dass die Musik dazu pure Lebensfreude ist, wirkt sie wie ein riesengroßer, trotziger Mittelfinger an die düsteren Gedanken. Höchstens eine gewisse Boshaftigkeit, so bittere Medizin in eine so süße Verkleidung zu packen, könnte man attestieren.
Dass diese Songs so tadellos in jeder Art von Arrangement greifen, beweist ihre Qualität. Ich brauche keine JOY DIVISION, die mich runter ziehen, ich brauche keine BLINK 182, die mich mit Teenage-Klamauk langweilen. Aber das hier, diese unwahrscheinliche Kombination, das ist etwas besonderes.
Und noch etwas besonderes: Ladet euch „We Cool“ beim Künstler runter, und wenn es euch gefällt, lasst ihm etwas Geld, damit er es einer Selbstmörder-Notruf-Hotline spendet. Oder kauft ihm seine Platte ab, damit er weitere davon machen kann. Nothing's forever, dude!
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